Homburg und die Ukraine: Bezugspunkte
 
historisches 01 
Liturgie mit dem ukrainischen Bischof
aus Paris 1980
historisches 02
Pontifikalliturgie in Bexbach St. Martin 1989
historisches 03
Letzte Messe im
Elisabethenhaus Homburg 1991
historisches 04
1989 in Bexbach: Pfarrer Groß (†), Pater
 P. Damian (†), Bischof Platon (†), H.J. Britz
historisches 05
Hundert Jahre Basilianerschwestern in L`wiw
historisches 06
Ein eritreisches Brautpaar aus Homburg
wurde in Waldmohr getraut 1987
historisches 07
Ausschnitt Massengräber auf
dem sog. Russenfriedhof in Homburg
 

Einleitung
Seit den Unruhen in der ukrainischen Hauptstadt Kiew kennt fast jeder Europäer den „Majdan“, den „Platz der Unabhängigkeit. Hier begannen im November 2013 die „Orange-Revolution“ und am 18. Februar 2014 die „Euromajdan-Proteste“, letztere mit über 80 Toten. Reporter-Legende Peter Scholl Latour (1924-2014), und Homburger Siebenpfeiffer-Preisträger von 2003,  rechnet in seinem letzten Buch „Der Fluch der bösen Tat“ mit der Politik des Westens ab, wie es keiner vor und keiner nach ihm sich traute.  Im Ukraine-Konflikt hält er eine russische Verletzung des Völkerrechts durch die Annexion der Krim keineswegs für ausgemacht – und bewertet Russlands Vorgehen defensiv statt expansiv. Seine Vita berührt auch unsere Heimat: 1948 bekam er erstmals über sein Volontariat bei der „Saarbrücker Zeitung“ Kontakt zum Saarland. Vor seinem Studienaufenthalt in Beirut war er 1954 und 1955  Sprecher der Landesregierung, Mitarbeiter und Pressereferent des Amtes für Europäische und Auswärtige Angelegenheiten unter Ministerpräsident Johannes Hoffmann. Das Vorgehen des Westens im Ukraine-Konflikt bezeichnet er weiter als „dubios“: Amerika gebe die Richtung vor, in dem es alle Schuld dem Kreml anlaste, und die Europäer fügten sich dem Willen des mächtigen Verbündeten. Scholl-Latour: „Wenn Sie sich einmal anschauen, wie einseitig die hiesigen Medien, von TAZ bis Welt, über die Ereignisse in der Ukraine berichten, handelt es sich um Desinformation im großen Stil, flankiert von den technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, dann kann man nur feststellen, die Globalisierung hat in der Medienwelt zu einer betrüblichen Provinzialisierung geführt...“
Die Ukraine ist ein mehrheitlich christliches Land. Seit Jahren besteht zwischen fünf großen Kirchen des orthodoxen und des lateinischen Ritus ein heftiger, emotional und auch politisch geprägter Streit um Legitimation und Immobilien. Dieser Kampf, so Scholl-Latour, sei einer der großen Auslöser der kriegerischen Differenzen zwischen der West- und der Ostukraine. Es geht auch hier um die Nähe zu Russland, um Nationalismus und Orientierung gen Westen.

 

Spuren bis nach Homburg
Geht man in Homburg auf Spurensuche in Richtung Ukraine, gelangt man in die Kriegszeit und zu einem Massengrab auf dem Rossberg nahe der Uniklinik. Es ist nicht mehr existent, jedoch unter dem Namen „Russenfriedhof“ bis 1955 auf städtischem Grundstück nahe der Waldbühne eingetragen. Über 300 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus dem Osten wurden dort in 12 Gräbern beigesetzt. Was aber kaum jemand weiß: die dort Verscharrten waren zu 70-80 Prozent Ukrainer und konfessionell der griechisch–katholischen Kirche angehörend. Wir wissen dies aufgrund von Unterlagen, die das russische Internetportal „Memorial“ herausgibt. Dabei handelt es sich um eine Personenkartei, die im damaligen Landeskrankenhaus geführt wurde mit Bild, Fingerabdrücken, persönlichen Daten einschl. Religionszugehörigkeit, Ehefrau/Kinder in Deutsch bzw. Ukrainisch/Russisch, Beginn der Gefangenschaft, Arbeitslager, Lazarett, Todestag und Ort der Beisetzung. Hier immer der „Russenfriedhof Rossberg“. Leiter der Krankenstation und des Lagers war Oberstabsarzt Dr. Heene. 1942 waren in Nähe der heutigen Augenklinik Baracken für sowjetische Gefangene (Russen/Ukrainer) eingerichtet worden. Die kranken, aus allen Gebieten der Westmark nach Homburg überstellen Gefangenen starben zu Hunderten im Reservelazarett oder wurden auf der Flucht erschossen. Die Hauptklientel der Gefangenen stammte aus dem Stammlager (Stalag XII F/Z) Johannis-Bannberg –Bolchen, heute eine Art militärische „Geisterstadt“ bei Boulay in Lothringen, rund 25 Kilometer hinter Saarlouis. An der Westseite des dortigen Lagerfriedhof befindet sich ein Kreuz mit dem Ukrainischen Wappen und dem Hinweis: Hier ruhen 3.600 Ukrainische Opfer des Krieges 1939-45. Zurück zu Homburg: Am 8. Februar 1955 wurden die sterblichen Überreste der 301 unbekannten Kriegsgefangenen exhumiert und von der alten Massengrablage Rossberg zum internationalen Soldatenfriedhof Perl-Besch umgebettet. Leider ruhen sie hier ohne irgendeine Kennzeichnung: Kein Kreuz, kein Hinweis auf ihre Herkunft, kein Bezug zum Sterbeort Homburg – stattdessen bekam jeder deutsche Gefallene eine Tafel. Bei einem Besuch dieser saarländischen Gedenkstätte war man versucht zu sagen: Im Tode sind nicht alle gleich!
 
Eine Ukrainische Gemeinde in Homburg
Im Jahre 1978 lernte ich im Rahmen meiner häufigen Besuche in der Benediktinerabtei Tholey Pater Dr. Damian Ludwig Schaefers kennen. Als sein Wagen zur Inspektion war, bat er mich, ihn zur „Göttlichen Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomus“ nach Karlsruhe zu fahren, wo ich zum ersten Mal die Schönheit und Erhabenheit der ostkirchlichen byzantinischen Messe kennen und schätzen  lernte. Ebenso den Bischof der Exilukrainer für Deutschland und Skandinavien, Dr. Platon Kornyljak (1920-2000), der rund 10 Jahre später bei uns zuhause in Bexbach als Gast weilte. Pater Damian wiederum war der Seelsorger für die griechisch-katholischen Gläubigen in den Diözesen Trier und Speyer. Er hatte dieses Amt von seinem Vorgänger Polanski, in den Siebziger Jahren übernommen und eine hervorragende Infrastruktur aufgebaut. Unter anderem half er dabei, Chöre ins Leben zu rufen, die sich um die feierliche musikalische Umrahmung der byzantinischen Gottesdienste in kirchenslawisch bzw. ukrainisch bemühten. So entstand 1975 einer der später professionellsten Chöre Deutschlands, der „Marpinger Singkreis“ mit einem außergewöhnlichen Repertoire. Daneben gibt es bis heute seit 1971 die „Hobby-Singers“ aus Otterbach, daneben entstanden kleinere Chöre in der Abtei „Maria Laach“ und in Altenkessel. Ganz aktuell beschäftig sich der traditionsreiche „Schubertchor“ aus Bexbach mit dem Liedgut der Ukrainer.
Fast jeden Sonntag besuchte P. Damian die oft zerstreut wohnenden Ukrainer von Trier bis Speyer und feierte mit ihnen die Göttliche Liturgie, manchmal zweimal pro Tag. In Homburg diente lange Jahre die Kapelle des St. Elisabethen-Hauses bis zu dessen Schließung im Jahre 1991 als Domizil. Danach  feierte er alle acht Wochen eine Messe in der Klinikkirche. Ich kann mich noch an manche UkrainerInnen aus der Umgebung erinnern:  Familien aus der Lappentascher Straße, von der Heimstätte, aus Erbach, der Vorbeter Josef Korpan aus Bexbach, ein älterer Mann vom Auffanglager Schernau…Immer wieder kamen andere christliche  Deutsche zu den Gottesdiensten, fasziniert von den  östlichen Gesänge und der wunderbaren Riten. In aufopfernder Weise gelang es Pater Damian, zunächst von Tholey, seit 1986 von Maria Laach aus, die Exilgemeinde zusammen zu halten. Einige der Exilanten blieben nach erlebter Zwangsarbeit im Saarland, andere kamen nach der Kirchenverfolgung Stalins hierher.
1993 hielt Bischof Platon in Bexbach, St. Martin ein feierliches Pontifikalamt; im gleichen Jahr fand im St. Wendeler Museum eine von mir konzipierte Ausstellung über die unierte Ostkirche statt. Mit P. Damian war ich mehrmals in der Ukraine: In Lwiw (früher Lemberg), der Hauptstadt der Westukraine, in Iwano-Frankiwsk; mit ukrainischen Priestern und Gläubigen bei den Sorben in der Oberlausitz, auf den Katholikentagen in Aachen, Berlin, Karlsruhe und Dresden.
Eine besondere Ehre wurde mir zuteil, als ich dem Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche, Kardinalerzbischof Myroslaw Ljubaschiwsky in Lwiw eine Arbeit über das neue Ostkirchenrecht überreichen durfte. Wasyl, ein junger Theologiestudent und Ausmaler der Seminarkapelle Lwiw, schrieb mir zwei Ikonen von Jesus und Maria. Er versieht heute seinen Dienst im Rayon Lemberg, seine Frau ist Religionslehrerin, seine Jungs ministrieren in der heiligen Messe. In seiner Sakristei hängt das Bild des Papstes. Viel zu wenige Zeitgenossen wissen, dass es eine dem Papst unterstellte Kirche gibt, in der die Priester heiraten dürfen.
 
Der Krisenherd Ukraine
Siebenpfeiffer-Preisträger Scholl-Latour sprach kurz vor seinem Tod über die Probleme in der Ukraine, die er auch auf die religiöse Zerstrittenheit zurückführte. Sowohl die griechisch-katholische Kirche - zahlenmäßig in der Westukraine weit verbreitet - als auch die russisch-orthodoxe Kirche, die seit eh und je in der Ostukraine, im Süden und auf der Krim die Mehrheit darstellt, sehen sich als Nachfolger der apostelgleichen Heiligen Großfürstin  Olga und ihres Enkelsohnes Wladimir, die das Christentum in der sog. „Kiewer Rus“ seit dem Jahr 988 grundlegten. Aufgrund der Zwangseinverleibung der mit Rom verbundenen griechischen Katholiken in die Orthodoxie auf der illegalen sog. „Lemberger Synode“ 1946 und der Verbannung ihrer Oberhäupter nach Sibiren musste es nach 1989 zwangläufig zu Problemen kommen. Die totgeglaubte Untergrundkirche „Ukrainska Greko-Katholiska Zerkwa“ erstarkte in einem ungeahnten Ausmaß. Die seit 1593 mit Rom vereinigten Gläubigen wollten ihre Kirchen, Bischofssitze und Pfarreien wieder zurück. Nicht selten und bis heute steht hinter diesen Machtkämpfen purer Hass von beiden Seiten, Unierten und Orthodoxen. Ein Hass, der sich bis in die Gegenwart formiert und das Land, das nicht nur religiös, sondern auch sprachlich (im Westen wird ukrainisch, im Osten russisch gesprochen) und vor allem politisch teilt. Zur Verdeutlichung die prozentuale Religionsverteilung (o=orthodox, gk=griech.kath). der Bevölkerung in folgenden Regionen:
Lwiw (o:31,3/gk: 53), Iwano-Frankiwsk (o:36,7/gk:50,9), Kiewer Gebiet (o:65,6/gk 1,8), Odessa (o:58,6/gk: 2,7), Luhansk (o: 56,1/gk:0,4). Dabei ist interessant, dass die Liturgie der Unierten fast identisch wie die der Orthodoxen abläuft, teilweise sogar in altslawisch. Dennoch werden sie vielfach als „Proselyten“ (=Abwerber) betitelt. Obwohl mit Rom vereint, dürfen die griechisch-katholischen Priester sich bis zur Weihe entweder zur Heirat oder zur Ehelosigkeit entscheiden. Nach Konsultation beim „Vater“ (Pfarrer) ist selbsteine Scheidung möglich. In diesem Sinne sind die unierten den römischen Katholiken weit voraus.
 
Leider spaltete sich die Orthodoxie der Ukraine seit 1991 in Teilen vom Moskauer Patriarchat ab. Diese Konflikte sind ein Hauptproblem des religiösen Lebens in der Ukraine, das nicht nur den Löwenanteil der sozialen Energie verschlingt, sondern auch die Grundlagen des bürgerlichen Friedens in der ukrainischen Gesellschaft bedroht. Im Zentrum der Konflikte stehen der Gegensatz der Identitäten, der die politischen, kulturellen und religiösen Unterschiede widerspiegelt, das unterschiedliche Niveau des nationalen Bewusstseins und die Modelle des historischen Gedächtnisses. Beispielhaft dafür ist jener 18. Juli 1995, als es vor der Sophienkathedrale im Zentrum Kiews zu einer denkwürdigen Massenschlägerei zwischen orthodoxen Christen verschiedener Richtung kam.
 
Fazit: Wenn es die verschiedenen Kirchen der Ukraine – die ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellen – nicht in der Lage sind miteinander zu sprechen, verlieren letzten Endes alle und ihr Christentum ist Heuchelei.  Die großen politischen, religiösen, wirtschaftlichen und herkunftsprägenden Unterschiede der Menschen müssen überwunden werden und können weder von der pseudodemokratischen Kiewer Regierung noch von Staatspräsident Putin einseitig indoktriniert werden. Hier hilft nur ein mühsames aufeinander Hören und gegenseitiges Verstehen lernen. Die Kirchen könnten hier ihren Beitrag leisten; doch der ist kaum zu vernehmen.

Für Homburg ist ein Gottesdienst geplant in Erinnerung an die hier verstorbenen und ermordeten ukrainischen und russischen Kriegsgefangenen. Ausgangspunkt wird die Klinikkirche sein, Endstation der „Russenfriedhof“ im Wald. Dies nennt man Erinnerungskultur, mit der man sich auseinandersetzten sollte, um der Freiheit, der Demokratie und des Rechtes willen.

 
hjb